Rückenwelt

22 Gesundheit „An einer Skoliose hat niemand Schuld“ Professor Dr. Michael Akbar ist Wirbelsäulenspezialist an zwei Privatkliniken in Berlin und Heidelberg. Wir haben mit ihm über das Thema Skoliose gesprochen. Wie die Krankheit diagnostiziert wird und welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt, erläutert der Orthopäde im Interview. Professor Akbar, was ist eine Skoliose? Akbar: Die Skoliose ist eine dreidimensionale Verformung der Wirbelsäule, die mit einer Seitabweichung einhergeht. Bei dieser Wachstumsstörung kommt es gleichzeitig zu einer Verformung und -drehung der Wirbelkörper. Im Gegensatz zu einer reinen Haltungsschwäche kann die Krümmung der Wirbelsäule nicht alleine, also aus eigener Kraft wieder aufgerichtet werden. Die Diagnose Skoliose stellen wir ab einer seitlichen Verkrümmung der Wirbelsäule von 10 Grad. Schätzungsweise 0,5 bis fünf Prozent der deutschen Bevölkerung haben eine Skoliose. Man unterscheidet die idiopathische Skoliose, deren Auslöser unbekannt sind, von der sekundären Skoliose. Letztere entwickelt sich aufgrund von anderen Erkrankungen wie Veränderungen der Knochen oder einer Muskel- oder Nervenerkrankung. Die meisten Skoliosen, etwa 85 Prozent, sind idiopathisch. Welche Risiken gibt es dafür, an einer idiopathischen Skoliose zu erkranken? Akbar: Warum eine normale Wirbelsäule sich plötzlich verdreht weiterentwickelt, ist bis heute nicht ganz erforscht. Aber wir wissen bereits: Das Auftreten von Skoliosen hängt mit dem Körperwachstum zusammen. Es hat nichts mit falscher Ernährung oder Fehlbelastung zu tun – auch Sport oder Arbeit haben keinen Einfluss auf das Erkranken. Weder der Patient noch die Eltern können etwas dafür, und es trägt niemand die Schuld. Allerdings scheint es eine genetische Veranlagung zu geben, denn Skoliosen treten meist gehäuft in Familien auf: 97 Prozent aller Patienten mit einer idiopathischen Skoliose haben eine positive Familienanamnese. Mädchen sind vier- bis fünfmal häufiger betroffen als Jungen. Fehlentwicklungen lassen sich im Kindes- und Jugendalter gut therapieren, da die Wirbelsäule noch elastisch und formbar ist. Je älter die Patienten und je deutlicher die Krümmung, desto schwieriger und aufwendiger wird die Behandlung. Welche Symptome gibt es außer Haltungsveränderungen noch? Akbar: Je nachdem, wo die Krümmung liegt und wie groß sie ist, können die Asymmetrien tatsächlich nur ein optisches Problem sein. Aber die verdrehte Wirbelsäule kann auch Bandscheiben, Wirbelgelenke und die entsprechenden Muskeln stark belasten – Rückenschmerzen und später Arthrose sind die Folge. In schweren Fällen kann die Skoliose sogar die Herz- und Lungenfunktion einschränken. Auch die psychosoziale Belastung durch einen Buckel oder schiefe Haltung darf man nicht unterschätzen. Wie wird eine Skoliose diagnostiziert? Akbar: Betroffene Kinder haben meist keine Schmerzen oder andere Beschwerden durch eine beginnende Skoliose. Professor Dr. med. Michael Akbar, Experte für Erkrankungen der Wirbelsäule bei Kindern und Erwachsenen „Bei Patienten mit einer Skoliose ist die stationäre Rehabilitation in einer entsprechenden Fachklinik sinnvoll und sollte im Rahmen der konservativen Behandlung mit ins Kalkül gezogen werden.“

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