Interdisziplinäre Fachbeiträge 33 ungelöste Konflikte spielen. Zudem unter- stützen wir das Team, indem wir – mit Einverständnis der Betroffenen – Hintergründe erläutern und im Umgang mit sehr belasteten oder „anspruchsvollen“ Patienten begleiten. AGR aktuell: Sie sagten zuvor, dass hinter chronischen Schmerzen häufig bestimmte Muster stehen. Was begegnet Ihnen dabei besonders häufig? Ritz: Häufiger als schwere Traumata sehen wir lebenslange Überforderungsmuster. Menschen, die sich fast ausschließlich über Leistung definieren, die vor allem „funktionieren“ wollen und das Thema Selbstfürsorge wenig im Blick haben. Viele stehen dauerhaft unter innerem Druck und achten wenig auf Grenzen und Warnsignale des Körpers – das führt dann wiederum zu Verspannungen, Fehlbelastungen, Erschöpfung und schließlich zu chronischen Schmerzen. Schmerzen haben dann auch eine Signalfunktion: Sie weisen darauf hin, innezuhalten und nach neuen Wegen zu suchen, mit Anforderungen und Belastungen umzugehen, auch mit eigenen Ansprüchen, um mehr auf sich selbst zu achten. AGR aktuell: Wie offen sind Patientinnen und Patienten heute für psychotherapeutische Angebote im Rahmen einer multimodalen Schmerzbehandlung? Ritz: Wenn man Patientinnen und Patienten wertschätzend begegnet und ihnen ein Angebot zum gemeinsamen Verstehen ihrer gesundheitlichen Problematik macht, führt das zu Offenheit und Mitarbeit, die wir in der ganzheitlichen Behandlung auch benötigen. entengruppe sind. Wenn es gelingt, das auch gesundheitspolitisch abzubilden – etwa perspektivisch über eine eigene Leistungsgruppe „Spezielle Schmerzmedizin“ –, wäre in meinen Augen viel gewonnen. AGR aktuell: Trotz aller Herausforderungen – was macht die Arbeit in der Schmerzpsychotherapie für Sie persönlich so attraktiv? Ritz: Ganz eindeutig die Verbindung aus ganzheitlichem Denken und hoher Spezialisierung! Wir betrachten psychische und somatische Störungen im Zusammenspiel und können genau dieses Zusammenspiel im Rahmen eines komplexen Behandlungsansatzes positiv beeinflussen. Tagtäglich einen Beitrag dazu zu leisten, dass Menschen, die sich lange als „austherapiert“ erlebt haben, wieder handlungsfähiger werden, neue Zugänge zu sich selbst finden und ihren Alltag anders gestalten – das ist fachlich anspruchsvoll, aber persönlich auch sehr erfüllend. AGR aktuell: Wir danken Ihnen für das Gespräch! ' Kontaktinformationen Arbeitsgemeinschaft nicht operativer orthopädischer manualmedizinischer Akutkliniken (ANOA) Lisa Gauch Geschäftsstelle ANOA Tel.: 06744 712-156 info@anoa-kliniken.de www.anoa-kliniken.de Es ist die empathische Grundhaltung, die im ANOA-Konzept verankert ist und durch alle an der Behandlung beteiligten Berufsgruppen täglich neu gelebt werden muss. Patientinnen und Patienten spüren das sofort und können sich idealerweise in den psychotherapeutischen Behandlungen sehr schnell öffnen. Zudem ist Psychotherapie in der Gesellschaft mittlerweile sichtbarer als noch vor drei Jahrzehnten bei meinem Start in Sommerfeld. Trotz dieser Entwicklung stoßen wir immer wieder auch auf Ängste – etwa, „abgestempelt“ zu werden oder nicht ernst genommen zu werden, wenn „die Psyche ins Spiel kommt“. Entscheidend ist, dass im gesamten Team eine wirklich akzeptierende Haltung gelebt wird: Psychische Belastungen dürfen keinesfalls abgewertet, sondern müssen als verständliche Reaktion auf langanhaltende Schmerzen und Lebensbelastungen gesehen werden. AGR aktuell: Die strukturellen Rahmenbedingungen sind derzeit stark im Wandel, Stichwort Krankenhausreform. Welche Auswirkungen spüren Sie für die multimodale Schmerztherapie? Ritz: Wir befinden uns in einer sensiblen Phase. Es besteht die Gefahr, dass hochspezialisierte Schmerzstrukturen fachfremden Leistungsgruppen zugeordnet und damit mittelfristig geschwächt werden. Für chronisch schmerzkranke Menschen, für die ein multimodales Konzept wie das der ANOA eine Chance auf mehr Gesundheit, Lebensqualität und Aktivitätsmöglichkeit ist, wäre das fatal. Gleichzeitig macht die aktuelle Diskussion deutlich, wie unverzichtbar interdisziplinäre, qualitätsgesicherte Versorgungsangebote für diese Pati-
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