Interdisziplinäre Fachbeiträge 32 AGR aktuell 2026/75 | Aktion Gesunder Rücken e. V. In den 38 bundesweit tätigen Kliniken der Arbeitsgemeinschaft nicht operativer orthopädischer manualmedizinischer Akutkliniken (ANOA) gehört Psychotherapie heute selbstverständlich zur multimodalen Behandlung chronischer Schmerzen am Bewegungssystem. Auf der Grundlage von rund 30 Jahren Erfahrung in der Behandlung von Patienten mit chronischen Rücken- und Gelenkbeschwerden weiß Dipl.-Psych. Wolfgang Ritz, welche Rolle die Psychotherapie dabei spielt. AGR aktuell spricht mit dem Leitenden Psychologischen Psychotherapeuten der Sana Kliniken Sommerfeld und Präsidiumsmitglied der ANOA darüber, wie sich diese Rolle verändert hat, welche typischen Überforderungsmuster sich hinter chronischen Rückenschmerzen verbergen können und vor welchen strukturellen Herausforderungen die multimodale Schmerztherapie aktuell steht. AGR aktuell: Herr Ritz, Sie arbeiten seit vielen Jahren in der multimodalen Schmerztherapie. Was macht chronische Beschwerden am Bewegungssystem zu einem so besonderen Versorgungsproblem? Wolfgang Ritz: Wir sehen viele Menschen, deren Rücken‑ oder Bewegungsschmerzen längst nicht mehr nur ein orthopädisches Thema sind. Es handelt sich häufig um komplexe, über Jahre gewachsene Schmerzstörungen, bei denen körperliche, psychische und soziale Faktoren eng ineinandergreifen. Dazu muss man wissen: Patientinnen und Patienten kommen meist mit einer langen Vorgeschichte in die Kliniken – mit zahlreichen Behandlungsversuchen, hohen Erwartungen und oft auch Enttäuschung oder Resignation. AGR aktuell: Die ANOA-Kliniken setzen hier auf ein multimodales Konzept. Was unterscheidet diesen Ansatz von herkömmlichen Behandlungen bei Rückenbeschwerden? Ritz: Der entscheidende Unterschied ist: Wir behandeln nicht nur ein Symptom, sondern einen Menschen mit seiner gesamten Lebenssituation. Multimodale Schmerztherapie nach ANOA heißt, dass Medizin, Pflege, Physiotherapie, Ergotherapie und Psychotherapie in einem strukturierten Konzept eng zusammenarbeiten – auf Basis einer gemeinsamen Diagnostik und klarer klinischer Pfade. Wichtig ist auch die Therapiedichte und -dauer: Vor allem im stationären Setting haben wir deutlich mehr Zeit als in der Regelversorgung, um gemeinsam mit den Patientinnen und Patienten Schmerzen zu behandeln und neue Wege im Umgang mit dem Schmerz zu erarbeiten. AGR aktuell: Wie muss man sich die von Ihnen beschriebene interdisziplinäre Zusammenarbeit in einer ANOA-Komplextherapie konkret im Klinikalltag vorstellen? Ritz: Wir arbeiten mit strukturierten interdisziplinären Teambesprechungen, in denen alle Berufsgruppen vertreten sind. Dort legen wir auf Basis der interdisziplinären Diagnostik den Behandlungspfad und die Ziele fest, anschließend prüfen wir den Verlauf und justieren nach – insbesondere bei komplexeren Verläufen. Wir Psychotherapeutinnen und -therapeuten bringen psychische Einflussfaktoren und biografische Muster ein, Ärztinnen, Ärzte und Therapeutinnen und Therapeuten ihre somatischen Befunde und funktionellen Beobachtungen. So entsteht ein gemeinsames Bild, aus dem sich ein schlüssiger, befundorientierter Behandlungsplan ergibt. AGR aktuell: Welche Rolle spielt die Psychotherapie in diesem Setting konkret? Ritz: Psychotherapie ist heute kein Add-on mehr, sondern vielmehr integraler Bestandteil des über rund zwei Jahrzehnte hinweg weiterentwickelten ANOA-Konzepts. Konkret gesagt: Wir Psychotherapeuten und Psychotherapeutinnen sind von Beginn an in die Diagnostik eingebunden, erfassen psychische Einflussfaktoren, biografische Prägungen und Somatisierungstendenzen und bringen diese Perspektive in die interdisziplinäre Behandlungsplanung ein. In der Therapie wiederum helfen wir dann, die innere Logik des Schmerzes zu verstehen – also was ihn aufrechterhält und welche Rollen Stress, Überforderung oder » Mehr als ein orthopädisches Problem Dipl.-Psych. Wolfgang Ritz über die Rolle der Psychotherapie in der multimodalen Behandlung von Rückenbeschwerden Nach Informationen der Arbeitsgemeinschaft nicht operativer orthopädischer manualmedizinischer Akutkliniken (ANOA) e. V. AGR im INTERVIEW mit Dipl.-Psych. Wolfgang Ritz
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