Interdisziplinäre Fachbeiträge 30 AGR aktuell 2026/75 | Aktion Gesunder Rücken e. V. Arthrose ist eine der häufigsten Ursachen für Schmerzen und Bewegungsmangel im Alltag (RKI GEDA-Studien). Viele hören den Satz „Damit müssen Sie eben leben“ – und ziehen sich aus Angst vor Schmerz immer weiter zurück. Ich meine aber, genau das Gegenteil ist hilfreich: Der Rücken lebt von und mit Bewegung. Hier zeige ich auf, wie gezielte Arthrose-Physiotherapie für zu Hause helfen kann, die von der Krankheit betroffenen Wirbelgelenke möglichst beweglich zu halten, Schmerzen zu lindern und den Alltag sicherer zu bewältigen. Im Mittelpunkt stehen unkomplizierte, klar angeleitete Übungen, die mit wenig Aufwand, zum Beispiel in der Wohnung, durchgeführt werden können. Wenige Hilfsmittel wie Stuhl, Wand, Handtuch oder eine gute Salbe und vor allem der eigene Körper genügen, um loslegen zu können. Sie brauchen kein Fitnessstudio und keine speziellen Geräte, sondern Wissen, um einen Neustart zu besserer Bewegung und ein regelmäßiges Übungsritual beginnen zu können. Arthrose ist kein „reines Verschleißproblem“, das Sie passiv hinnehmen sollten. Zwar können Knorpelschäden nicht vollständig rückgängig gemacht werden, doch können myofasziale Strukturen, Gelenkführung, Koordination und Schmerzverarbeitung positiv versorgt werden. Gezielt dosierte Bewegung steigert den Gelenkstoffwechsel, stabilisiert und entlastet, stärkt Ihr Vertrauen in den eigenen Körper und kann Medikamente, Spritzen oder Operationen sinnvoll unterstützen oder ersetzen. Menschen mit Arthrose im Rücken und anderen häufig betroffenen Gelenken brauchen Arthrose-Physiotherapie – egal, ob schon eine OP durchgeführt wurde oder nicht. Sie eignet sich für Einsteiger, die sich bisher wenig bewegt haben. Das Kiesling Konzept Wesentlich für den Erfolg der Arthrose- Physiotherapie ist die Reihenfolge der einzelnen Maßnahmen. Aus meiner langjährigen Berufserfahrung gilt: 1. Bewegungsroutinen im Alltag: Mein Konzept „Physiotherapie für zu Hause“ zeigt zahlreiche Übungen auf, die einfach in den Alltag integrierbar sind. Durch Wissen und Handeln lernt beispielsweise der von Arthrose Betroffene sehr gut mit einer gezielten Mobilisation, wie dem Hip Drop, eine Wartesituation im Alltag zu gestalten. Diese Übungen schaffen Bereitschaft in die eigene Verantwortung und Selbstvertrauen. 2. Nicht mit starken Schmerzen üben: Bei starken Schmerzen sind Entlastungslagerungen und Maßnahmen aus der Physiotherapie-Hausapotheke, wie Wärme, Kälte, Einreibung oder Wickel, ratsam. Erst bei einem Wert von 2 bis 3 auf der VAS-Schmerzskala sollten wieder Übungen erfolgen. 3. Traktion vor Kompression: Intermittierende Traktionen entlasten Gelenkflächen wirksam. Das Auseinanderziehen schafft nicht nur Raum im Gelenk, sondern auch eine Schmerzlinderung und bessere Gelenkbeweglichkeit. 4. Mobilisation nur bis zur Schmerzgrenze: Die Schmerzgrenze für Mobilisationsübungen liegt bei max. 4 auf der VAS-Skala. 5. Dehnen vor Kräftigen: Tonisch verkürzte myofasziale Strukturen sollten zunächst auf ihre Solllänge gedehnt sein, bevor der phasische Antagonist gekräftigt wird. Zum Beispiel den M. erector spinae dehnen, bevor die Mm. abdominales gekräftigt werden. Darüber hinaus würden Nozireaktionen ausgelöst, die dann einer Bewegungsverbesserung im Weg stünden. 6. Faszien lösen: Hilfreich sind allgemeine, ausladende Faszien-Bewegungen im schmerzfreien gelösten Zustand des Rückens. Beispiel: diagonale Armführung im Stand vom Knie in die Luft mit Blickkontakt auf die Hand. „Die Landkarte der Arthrose“ nach Kellgren-Lawrence Nach Kellgren-Lawrence kann eine Arthrose in folgende Stadien eingeteilt werden: { Stadium 1: beginnende/beschwerdearme Phase, erste Knorpelveränderungen, meist noch gute Gelenkfunktion { Stadium 2: leichte Arthrose, Knorpel weicher, Risse, erste belastungsabhängige Beschwerden möglich { Stadium 3: moderate Arthrose, deutliche Knorpelverdünnung, Gelenkspaltverschmälerung, erste knöcherne Veränderungen { Stadium 4: schwere Arthrose, Knorpel teilweise/weitgehend weg, Knochenreibung, starke Schmerzen, Alltagseinschränkungen Wirksame Physiotherapie greift am besten im Arthrose-Stadium 2 bis 3 Grad 2 Bei einer Arthrose zweiten Grades treten die Beschwerden früh auf – jetzt heißt es, die Weichen richtig zu stellen. Typische Leitsymptome sind Belastungs- und Anlaufschmerz. Die Therapieziele sind Aufklärung, Angst- abbau, Aktivitätssteigerung, Aufbau von Selbst- wirksamkeit. Konkrete physiotherapeutische Inhalte wie Rückentraktion und alltagsnahe Übungen für die authochtone Muskulatur sind zielführend. » Arthrose-Physiotherapie für den Rücken Das Kiesling-Konzept Gabriele Kiesling I Physiotherapie-Expertin, Buchautorin und AGR-Fördermitglied
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