AGR aktuell Ausgabe 75

Interdisziplinäre Fachbeiträge 28 AGR aktuell 2026/75 | Aktion Gesunder Rücken e. V. Die Fähigkeit zu „kinderleichter“ Bewegung ist im neuromuskulären System angelegt. Bewegungstherapie und Prävention verfolgen letztlich das Ziel, diese natürliche Bewegungsqualität zugänglich zu machen. Maßnahmen, die jeder selbst für eine lebenslange gute Beweglichkeit einsetzen kann, sind nebenwirkungsfrei, kostenlos und auch jederzeit verfügbar. Unser Umfeld sollte uns dafür im besten Fall maximale Bewegungsfreiheit ermöglichen. Automatisch ablaufende Bewegungsprozes- se bewusst wahrzunehmen kann helfen, unsere Beweglichkeit langfristig zu erhalten. Schon ein variantenreicher Einsatz natürlicher Alltagsbewegung trägt dazu bei, grundlegende körperliche Kondition zu erhalten. Volle Bewegungsamplituden nutzen zu können, bildet dabei unter anderem die Voraussetzung für einen gezielten und nachhaltigen ökonomischen Krafteinsatz. Der Körper als Anpassungssystem Der Organismus passt sich kontinuierlich an seine Umweltbedingungen an. Ziel dieser Anpassung ist Komfort im Sinne minimalen Energieverbrauchs bei maximaler Funktionalität. Fehlen Bewegungsalternativen – etwa durch langes Sitzen oder statisches Stehen – entsteht Überlastung von auf Dauer unterforderten, geschwächten Strukturen. Die Form und die Strukturen des Körpers passen sich an die Funktion an: Nicht benutzte Muskulatur wird abgebaut. Daraus können funktionelle Einschränkungen entstehen, die sich als Schmerz, Schwäche oder reduzierte Beweglichkeit äußern. Funktionelle Fähigkeiten erhalten sich vor allem durch ihre direkte Ausführung, hier darf lebenslang ein Anspruch an eine gute Kondition gestellt werden. Isolierte Kraftübungen beispielsweise befähigen nicht gleich zum Wiederausführen von komplexen Alltagsbewegungen, falls diese mal degeneriert oder eingeschränkt sind. Homöostase im modernen Alltag Der menschliche Körper arbeitet permanent daran, Homöostase aufrechtzuerhalten. Auch die Bewegungsorganisation folgt dem Prinzip größtmöglicher Effizienz. Wiederholt einseitige Bewegungen verändern muskuläre Synergien. Gegenbewegungen werden zunehmend schwächer, steifer und unkoordinierter. Die Muskeln verlieren an Masse und Kraft. Die Kondition geht verloren. Beschwerden des Haltungs- und Bewegungsapparates stellen häufig Anpassungsreaktionen an veränderte Lebensbedingungen dar. Moderne Arbeitswelten mit überwiegend sitzender Tätigkeit reduzieren die Bewegungsvariabilität erheblich. Technologische Entwicklungen verstärken diese Tendenz zusätzlich. Physiologische Anpassungen erfolgen dabei kontinuierlich und größtenteils unbewusst. Treten Beschwerden auf, empfiehlt sich daher eine multifaktorielle Betrachtung im Sinne des biopsychosozialen Modells nach George L. Engel. Belastung, Beanspruchung und individuelle Belastbarkeit In der Physiotherapie und der betrieblichen Gesundheitsförderung bietet das Belastungs-Beanspruchungs-Modell eine hilfreiche Analysegrundlage. Beschwerden entstehen entweder durch eine reduzierte individuelle Belastbarkeit oder durch eine zu hohe Belastung. Sowohl Über- als auch Unterforderung können zu Funktionseinschränkungen führen, die therapeutisch behandelt oder präventiv angegangen werden können. Sofern die Ursache analysiert wurde, kann diese behoben werden – andernfalls bleibt die rein symptomatische Behandlung. Adaptation von Gewebe – Nutzung erhält Funktion Anpassungsprozesse folgen grundlegenden biologischen Prinzipien. Über Superkompensation reagieren Muskeln auf Belastungsreize mit strukturellem Aufbau. Auch Knochen, Sehnen und Bänder passen sich mechanischen Anforderungen an. Die Funktionsfähigkeit biologischer Strukturen wird maßgeblich durch ihre Nutzung aufrechterhalten. » Warum Sport Bewegung nicht ersetzt Funktionelle Alltagsbewegung als Grundlage unserer Gesundheit Marc Sanjay Khokale I Physiotherapeut (Bachelor of Health)/NL, Staatlich anerkannter Osteopath, Health Consulting, Personaltraining Sitzen hat viele Varianten.

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