Neues aus der Verhältnisprävention 37 AGR aktuell 2025/74 | Aktion Gesunder Rücken e. V. Dem Training der sogenannten Stabilisatoren hat man die letzten Jahrzehnte große Bedeutung für die segmentale Stabilisation zugesprochen. Aktuelle Studien zeigen, dass wir dieses Trainingsmodell erneut erweitern sollten, denn die segmentale Stabilisierung über diese kleinen gelenksnahen Muskeln liegt bei lediglich 25 Prozent (Bojairami u. Driscoll 2022). Es lohnt sich, das Training mit anderen, großen Muskeln und weiteren Trainingssystemen zu ergänzen, um einen effektiven Stabilisationsschutz für die Lendenwirbelsäule zu erwirken. Trainingssäule 2: Stabilisation über große runde Muskeln Schauen wir uns die Mobilisatoren des Rückens an, zum Beispiel den langen Rückenstrecker (M. erector spinae). Es ist ein kraftvoller Mobilisator, er schafft es, eine große Last zu tragen oder zu bewegen. Im Querschnitt zeigt dieser Muskel ein rundes Bild. Andere Muskeln des Rückens, beispielsweise der breite Rückenmuskel (M. latissimus dorsi), erscheinen im Vergleich eher flach. Mobilisatoren verändern bei Kontraktion der Aktin- und Myosin-Einheiten ihren Querschnitt. Das Muskelvolumen nimmt zu. Diese Querschnittszunahme hat eine Kompressionswirkung auf die Wirbelsäulenstrukturen – vorstellbar wie ein Luftpolster, das angelegt wird, um verletzte Gelenke, zum Beispiel nach einem Skiunfall, auf dem Weg vom Berg in die Klinik zu sichern. Die Stabilisierung über die Volumenzunahme der paravertebralen runden Muskeln (M. erector spinae, M. ilopsoas) ist laut der der oben genannten Studie größer als die Stabilisierungsfunktion der Stabilisatoren. Sie liegt bei 53 Prozent. Beispiel-Übung 1: Aufrechter Stand; den Redondo® Ball zwischen den Oberschenkeln und dem Rumpf fixieren; Oberkörpervorneige in die Horizontale; dann den Oberkörper in die Rumpfvorbeuge senken und erneut zur Horizontalen (Table-Top-Position) heben Beispiel-Übung 2: Aufrechter Stand auf einem Bein; das Knie des zweiten Beines bis auf Hüfthöhe anheben; den Redondo® Ball auf das gehobene Knie legen und mit der diagonalen Hand fixieren; Gegendruck aufbauen – Hand drückt von oben, das Knie hält von unten dagegen. Wichtig: die natürlich Wirbelsäulenposition sollte erhalten bleiben/aufrechter Stand Runde, kraftvolle Muskeln bilden gemeinsam mit den kleinen Stabilisatoren ein effektives, über Kompression arbeitendes Stabilisierungssystem. Achtung Bei akutem Rückenschmerz, der mit einer Erhöhung von entzündlichen Zytokinen einhergeht, kommt es zu gelenknahen, lokalen Flüssigkeitsansammlungen in der Grundsubstanz. In diesem Fall wäre eine muskuläre Kompression von außen kontraproduktiv und wahrscheinlich schmerzauslösend. Zum tieferen Verständnis dieses Systems – ein Tipp: Webinar – Low Back Pain. Schmerz verstehen und aktiv begegnen (https:// gunda-slomka.de/gseducation-akademie/ fortbildungen) Trainingssäule 3: Stabilisation über tensegrale myofasziale Verbindungen Der dritten Trainingssäule für Stabilität müssen wir besondere Aufmerksamkeit schenken, denn sie schafft eine über 70%ige segmentale lumbale Stabilisierung (Quelle ebd.). Es geht um Zugsysteme über myofasziale Einheiten, spannungsvolle Verbindungsstrecken in der Muskel-Faszien-Einheit. Es sind tensegrale Systeme, begründet auf dem Kunstwort: Tensegrity. Dieses Kofferwort besteht aus den zwei Wörtern: Tension = Spannung und Integrity = Einheit. Über diese myofaszialen Verbindungsstrecken entsteht ein körperweites Spannungsnetzwerk. Kraft, besser gesagt Spannung, und dabei ist es nahezu egal, ob es Dehn- oder Kraftspannung ist, wird aufgebaut und im optimalen Fall störungsfrei entlang dieser tensegralen Verbindungsstrecken weitergeleitet. Der M. latissimus dorsi (breiter Rückenmuskel/flacher Muskel) ist beispielsweise Akteur in der wohl wichtigsten myofaszialen Verbindungstrecke für den unteren Rücken. Er spannt bei Kontraktion – gemeinsam mit dem großen Gesäßmuskel (M. gluteus maximus), der in derselben Einheit liegt – die thorakolumbale Faszie. Während runde Muskeln über Kompression stabilisieren, agieren die flachen Muskeln über Zug im tensgralen Verbund und schaffen dadurch Raum und Weite. Druck, wie ihn die runden Muskeln ausüben, reduziert den Raum. Das Verständnis darüber kann gerade im Kontext Schmerz sehr wertvoll sein, denn wir wissen, dass Nerven- bzw. Nervenwurzelkompressionen für Rückenschmerzen verantwortlich sein kann. Beispiel-Übung 1: Aufrechter Stand auf einem Bein; den Redondo® Ball zwischen Oberschenkel und Unterschenkel in der Kniekehle des freien Beins fixieren; das freie Bein nach hinten anheben und den Oberkörper nach vorn neigen, sodass die paravertebrale Rückenmuskelspannung erhalten bleibt (tensegrale Einheit – M. erector spinea / TLF / M. gluteus maximus; isciocrurale Muskelgruppe; Wade) Tensegrale funktionelle myofasziale Einheit zur lumbalen Stabilisation
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