Interdisziplinäre Fachbeiträge 31 AGR aktuell 2025/74 | Aktion Gesunder Rücken e. V. welches sogar ca. sechs Wochen lang von blinden Kindern ausgesandt wird, das sogenannte Engellächeln. Dies alles investieren die Babys, um zu sagen: Hier bin ich, kümmere dich bitte um mich, du bist mein Garant für das Überleben. Was kennzeichnet den Tragling? Was benötigt er? Ein Menschenkind benötigt zur guten, stressfreien Entwicklung Körperkontakt. In diesem Artikel werde ich allerdings nicht auf die Einzelheiten – wie Vorteile von Hautkontakt, Bonding, Hormonstoffwechsel, zum Beispiel Bildung des Bindungshormons Oxytocin – eingehen, aber es sei gesagt, dass Kinder ohne Körperkontakt und Fürsorge keine guten Entwicklungschancen haben. Das zeigen zahlreiche Experimente in der Geschichte der Menschheit (Kaiser Friedrich II. beispielsweise veranlasste, dass Neugeborene von ihren Müttern getrennt und von Ammen versorgt wurden. Er befahl den Ammen, den Kindern lediglich Milch zu geben und sie zu versorgen, nicht aber mit ihnen zu interagieren, sie also nicht anzusprechen, zu streicheln oder zu trösten). Sehen wir uns aber zuerst die Anatomie der Babys an, hier besonders den Rücken, die Entwicklung der Hüftgelenke und auch die lagerungsbedingte Plagiocephalie: Die bei der Geburt meist noch gerundete Wirbelsäule entwickelt sich ca. in den ersten 1,5 Jahren zu einer sogenannten Doppel-S-Form, und zwar mithilfe von Muskelzug, zuerst durch das Heben des Kopfes die Halslordose, dann die Brustkyphose, die Lendenlordose und schließlich die Sakralkyphose. Die Lendenlordose ist in Ansätzen schon in der Embryonalzeit erkennbar, wird aber später durch den Muskelzug beim aufrechten Gang verstärkt. Besonders hervorzuheben ist hier die sehr wichtige Unterstützung der Hüftreifung durch das Tragen der Säuglinge. Das korrekte Tragen in Tragetüchern oder anatomisch gut angepassten Tragehilfen leistet einen wichtigen Beitrag, damit aus der anfangs knorpeligen Struktur der Gelenkpfanne eine gute, verknöcherte Struktur entstehen kann, eine Voraussetzung für gesundes Laufen. Die Verknöcherung wird durch festen Druck, der beim Tragen entsteht, unterstützt. Die kräftige Gesäßmuskulatur drückt zentral über dem Hüftkopf in die Pfanne und es entsteht im knorpeligen Anteil des Gelenkes ein hydrostatischer Druck, der die Verknöcherung von Hüftkopfkern und Hüftgelenkspfanne fördert (Dr. Ewald Fettweis). Für Eltern, die nicht ständig nachmessen möchten, gilt (im Tragetuch oder in der Trage- hilfe): Popo des Kindes immer tiefer als die Kniescheibe, moderate Spreizung der Oberschenkel. Eine Streckung im Hüftgelenk ist dringend zu vermeiden, das gelingt am besten durch den sogenannten Steg, das heißt, der Stoff reicht von Kniekehle zu Kniekehle. Für Fachleute gilt: { Optimale Flexion der Hüfte 110 bis 120 Grad { Abduktion 40 bis max. 55 Grad { Adduktion und Extension des Hüftgelenkes sind absolut zu vermeiden Je stärker die Spreizung, desto höher sollte die Anhockung sein. Das gewährleisten am ehesten gut gebundene Tragetücher und die Bindeweise auf der Hüfte der Eltern. Der Großteil der tragenden Kulturen trägt im sogenannten Hüftsitz, dort sind Hüftdysplasien und Luxationen so gut wie unbekannt. Zudem wird der Knorpel beim Tragen, zum Beispiel in einem Tragetuch, durch die ständige Bewegung des Tragenden sehr gut durchblutet, ein Vorteil, wenn man etwa zum Vergleich die Hüftbeugeschiene nimmt. Schon Dr. Johannes Büschelberger, Dr. Ewald Fettweis und Dr. Shigeo Nagura waren aufgrund ihrer Erfahrungen bezüglich Hüftgelenksentwicklung überzeugt davon, dass das Tragen von Babys in der korrekten Position therapieunterstützend sei. Besonders beim seitlichen Tragen auf der Hüfte, bzw. auf dem Beckenkamm der tragenden Person, kann das Kind unterstützend mitwirken. Eine Frau aus Mauretanien trägt ihr Baby auf dem Rücken. Embryo im Uterus (aus: Fettweis 2004) Hüftquerschnitt (nach Büschelberger 1976) ventral
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