AGR aktuell Ausgabe 74

Interdisziplinäre Fachbeiträge 30 AGR aktuell 2025/74 | Aktion Gesunder Rücken e. V. Auf unseren Straßen, in Parks und Wäldern sehen wir Eltern, die ihre Babys oder Kleinkinder tragen, sei es in Tragetüchern oder Tragehilfen, eng an den Körper gekuschelt – und sogleich tauchen Fragen auf: { Ist das nicht zu schwer? { Bekommt das Baby überhaupt Luft? { Muss ein Baby nicht liegen? { Lässt es sich jemals wieder ablegen? { Verwöhnt man es nicht zu sehr? { Wie soll denn das Baby einen geraden Rücken bekommen, wenn es da so herumhängt? In all diesen Fragen schwingt zuerst einmal Besorgnis mit, ob das Gesehene überhaupt Sinn ergibt, und ob es nicht den Eltern oder den Kindern schadet. Hatte man selbst denn nicht auch seine Kinder ohne diese Art der Begleitung „großgezogen“? Und aus denen sei ja schließlich auch etwas geworden… Was braucht ein Baby? Zunächst widmen wir uns den Grundlagen: Zu welcher Gattung gehört das menschliche Kind, was benötigt es, welche Bedürfnisse hat es und was bringt es selbst mit, um in dieser Welt einen passenden Start für sich zu bekommen? 1970 prägte Dr. Bernhard Hassenstein den Begriff des Traglings als Jungentypus, zuvor sprach man häufig vom Menschen nur als physiologische Frühgeburt oder auch als sekundärem Nesthocker. Dr. Bernhard Hassenstein (unter anderem Verhaltensbiologe) ließ genau observieren und studieren, welche Fähigkeiten unsere Menschenkinder mitbringen, um, wie auch andere Primaten, eng bei ihren Betreuungspersonen zu verbleiben, die den einzigen Schutz darstellen in einer äußerst gefährlichen Welt. Schließlich möchte ein Baby überleben und nicht vom nächsten Säbelzahntiger zum Frühstück verspeist werden. Die genetische Programmierung des Menschen hat sich seit 2,5 Millionen Jahren (Altsteinzeit) nicht geändert. Das Kind weiß also nicht, dass wir mittlerweile hinter Mauern und Wänden leben. Besonders auffällig war bei den Studien, dass das Baby beim Hochheben, zum Beispiel aus dem Bett, oder sogar schon bei Ansprache, eine sogenannte Spreiz-Anhock-Stellung einnimmt. Das Baby nimmt diese Stellung ein, damit es gut und bequem auf die Hüfte des Erwachsenen gesetzt werden kann, dort klammert es sich durch Druck der Unterschenkel zusätzlich an. All das geschieht, um seinen Transport zu erleichtern, schließlich wird es in einigen Kulturen über eine Dauer von ca. drei Jahren und etliche 1000 Kilometer mitgenommen. Bei der Spreiz-Anhock-Haltung handelt es sich um eine sogenannte Reaktion, nicht um einen Reflex des Kindes. Ein Reflex unseres aktiven Traglings lässt sich hingegen beim Greifen beobachten, das Baby hält sich fest (Palmarreflex), zum Beispiel an unseren Fingern, an unserer Kleidung. Bei den Menschenaffen, die uns genetisch extrem ähnlich sind, wäre es das Fell, an dem sich die Jungen festhalten. Auch einige andere Kompetenzen bringt das Baby mit auf die Welt, um die Eltern für sich zu gewinnen, hier wäre unter anderem das Kindchenschema zu nennen, der angenehme Duft des Babys, die zarte Babyhaut, das Lächeln, Ein vielfach diskutiertes Thema ist die Frage, was besser für das Baby und seine Entwicklung ist: tragen oder schieben? Die Meinungen hierzu sind unterschiedlich. Im 19. Jahrhundert wurde überwiegend der Kinderwagen als Transportmittel genutzt, doch seit den 1970er Jahren sind Tragetücher wieder häufiger zu beobachten. Sie bieten viele Vorteile – nicht nur für das Baby, sondern auch für die Eltern, die freier agieren und trotzdem viel Nähe zum Kind aufbauen können. » Babys tragen oder transportieren? Gut oder schlecht? Bettina Attenberger I trageschule-nrw

RkJQdWJsaXNoZXIy MjQ2Mzcy