AGR aktuell Ausgabe 74

Interdisziplinäre Fachbeiträge 25 Messen statt Schätzen Das von Spine Base eingesetzte Motion-Capture-System „Industrial Athlete“ bietet hingegen eine objektive Belastungsmessung zu den durchgeführten Tätigkeiten. Es erfasst in Echtzeit mit 17 Sensoren Bewegungen, Krafteinwirkungen auf das Muskel-Skelett-System, die Wegstrecke und die Körperhaltung. Die Daten werden per Ampelsystem, basierend auf Grenz- werten der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV Information 208-033) und des National Institut of Occupational Safety and Health (NIOSH) bewertet und ausführlich dokumentiert. Dies stellt einen unschätzbaren Vorteil bei der Belastungsmessung von Arbeitsplätzen und -prozessen dar, da hiermit eine reliable und valide Datengrundlage auf Basis biomechanischer Gesetzmäßigkeiten geschaffen wird. Auch wenn das Messsystem sehr zuverlässige Ergebnisse liefert, sollten die Nachteile nicht unerwähnt bleiben. Denn ebenso wie bei der LMM müssen die Anwendenden das komplexe System bedienen können und über das notwendige Fachwissen verfügen. Wie bei allen technischen Lösungen besteht zudem immer die Gefahr einer Gerätefehlfunktion, die sich jedoch durch eine zuverlässige Vorbereitung weitgehend vermeiden lässt. Auch das Thema „Datenschutz“ wird häufig bei sensorbasierten Ergonomiebewertungen (wie zum Beispiel Smartwatches oder Fitnesstrackern) aufgeführt. Der „Industrial Athlete“ kann hingegen vollkommen anonymisiert eingesetzt werden und sorgt damit für eine hohe Mitarbeiter- akzeptanz. Weitere Einsatzmöglichkeiten Mit Vorher-Nachher-Messungen lassen sich die (positiven) Auswirkungen von entlastenden technischen Hilfsmitteln, der Umgestaltung von Arbeitsplätzen oder der Mitarbeiterschulung dokumentieren. Um zu verdeutlichen, wie hilfreich der Einsatz des Motion-Capture-Systems ist, wurde die Bandscheibenbelastung beim Umlagern eines Patienten (80 kg) von einer Trage zu einem Stretcher simuliert. Dies ist eine alltägliche Situation im Rettungsdienst bei der Patientenübergabe in der Notaufnahme. Dabei wurde die Belastung für einen Mitarbeitenden einmal ohne und einmal mit einem technischen Hilfsmittel gemessen und anschließend ausgewertet. ' Kontaktinformationen Michael Gissinger Spine Base GmbH Alte Tuchfabrik 53879 Euskirchen m.gissinger@spinebase.de www.spinebase.de Michael Gissinger Patienten umlagern ohne technische Hilfsmittel Diese Abbildung zeigt die Belastung für die Bandscheibe während der Bewegungsausführung. Insgesamt dauerte die Bewegung nur acht Sekunden, von denen aber mehr als die Hälfte mit einer sehr hohen Belastung für die Lendenwirbelsäule (LWS) erfasst wurden. Der sogenannte Impact, also die maximale Belastungsspitze während der Bewegungsausführung, lag bei mehr als 10,3 kN, was etwas mehr als 1000 kg entspricht. Patienten umlagern mit Rollboard Hier dargestellt ist die gleiche Arbeitssituation, jedoch mit dem Unterschied, dass ein technisches Hilfsmittel zum Einsatz gekommen ist. Ein sogenanntes Rollboard verringert dabei den Reibungswiderstand des Patienten und lässt ihn sozusagen von der Trage zum Stretcher gleiten. Bei der Vergleichsmessung wird der Unterschied für die Belastung der Bandscheiben in der LWS deutlich, die sich auf 4,6 kN verringert hat. Fazit Arbeitsergonomie im Rettungsdienst ist entscheidend, um Gesundheitsprobleme und einen frühzeitigen Berufsausstieg zu vermeiden. Moderne Messtechnik liefert dabei belastbare Daten für eine gezielte Prävention und hilft, Arbeitsplätze so zu gestalten, dass sowohl die Patientensicherheit als auch die langfristige Einsatzfähigkeit der Retter gewährleistet bleiben. Für den Arbeitgeber bietet sich die Möglichkeit, mit geringem Aufwand die notwendigen Daten für eine Gefährdungsbeurteilung unterschiedlicher Tätigkeiten im Rettungsdienst objektiv zu erheben und sogar im Bereich der Mitarbeiterschulung zu nutzen. Zum Autor: Michael Gissinger, Geschäftsführer Spine Base GmbH. Praxisanleiter und Berufspädagoge mit dem Fokus auf die Bereiche Arbeitsergonomie und betriebliche Gesundheitsvorsorge. Ehemaliger Leiter Rettungsdienst. AGR-Experte für Ergonomie und Rückengesundheit.

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