Interdisziplinäre Fachbeiträge 24 AGR aktuell 2025/74 | Aktion Gesunder Rücken e. V. In Industrie und Handwerk ist das Thema Arbeitsergonomie seit vielen Jahren fest etabliert. Im Rettungsdienst liegt der Fokus traditionell auf der optimalen Patientenversorgung, doch auch die Gesundheit der Einsatzkräfte muss stärker in den Blick rücken. Die ebenso körperlich wie mental anspruchsvolle Arbeit erfordert Heben, Tragen und Arbeiten in ungünstigen Haltungen – oft über gängige Belastungsgrenzen hinaus. Rückenschmerzen sind laut BARMER-Gesundheitsreport 2023 eine der häufigsten Ursachen für Ausfälle. Über 70 Prozent der Beschäftigten berichten von regelmäßigen Rückenproblemen, verursacht durch Lastenhandhabung, körperliche Arbeit und Schichtdienst. Die durchschnittliche Verweildauer im Beruf beträgt nur rund zehn Jahre und das sollte in einem für die Gesellschaft unverzichtbaren Berufszweig ein deutliches Alarmsignal sein. Rechtliche Grundlagen und Belastungsgrenzen Die Lasthandhabungsverordnung (Lasthand- habV) setzt EU-Richtlinien um, nennt aber (mit wenigen Ausnahmen) keine allgemeinen Maximalgewichte. Orientierung bietet höchstens die „Hettinger-Tabelle“ mit Empfehlungen je nach Alter, Geschlecht und Häufigkeit. Für Polizei, Bundeswehr, Feuerwehr und Rettungsdienste sind Teile der Vorschriften ausgenommen, da die Einsatzrealität oft keine Einhaltung zulässt. Ständig variierendes Patientengewicht und nicht planbare Einsatzorte sprechen gegen einheitliche Standards. Da wo verbindliche Grenzwerte fehlen, ist eine Gefährdungsbeurteilung Pflicht. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) stellt dazu sechs Leitmerkmalmethoden (LMM) bereit: Heben/Tragen, Ziehen/ Schieben, manuelle Arbeitsprozesse, Ganzkörperkräfte, Körperfortbewegung und Zwangshaltungen. Arbeitgeber müssen Risiken dokumentieren und entsprechende Maßnahmen zum Schutz ihrer Mitarbeitenden ergreifen. Im Rettungsdienst treten tatsächlich nahezu all diese Belastungsarten auf: { Transport von (schwergewichtigen) Patienten { Arbeiten in beengten oder unwegsamen Lagen { Treppen- und Hindernisüberwindung { lange Tragewege { Zwangshaltung, zum Beispiel bei einer Herz-Lungen-Wiederbelebung { repetitive Bewegungen { Vibrationen und Erschütterungen auf dem Betreuerstuhl im Patientenraum während der Fahrten im Rettungswagen (RTW) Die Leitmerkmalmethode (LMM), ob handschriftlich oder mit interaktiven Formblättern erstellt, ist jedoch mit bestimmten Einschränkungen verbunden. So ermöglicht sie keine hinreichend differenzierte Abbildung entlang der gesamten Skalenlänge; insbesondere erweist sich eine Gewichtsstufung von 1 kg bei hohen Lasten (zum Beispiel Patienten) als inadäquat. Darüber hinaus ist eine separate Bewertung sämtlicher Teiltätigkeiten erforderlich. Letztlich stellen die Ergebnisse immer eine subjektive Einschätzung dar, auch wenn die ausführende Person über entsprechende Fachkompetenz verfügt. » Wer rettet die Retter? Arbeitsergonomie im Rettungsdienst fördert die Gesundheit und verhindert vorzeitigen Berufsausstieg Michael Gissinger I Spine Base GmbH, AGR-Experte für Ergonomie und Rückengesundheit
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