Interdisziplinäre Fachbeiträge 16 AGR aktuell 2025/74 | Aktion Gesunder Rücken e. V. Die Hände am Lenkrad, der Blick nach vorn, die Fahrt zieht sich. Wer regelmäßig mit dem Auto lange Strecken fährt, kennt das: Der Nacken spannt, die Hüfte schmerzt, die Konzentration sinkt. Autofahren ist nicht nur geistig fordernd, sondern auch eine erhebliche körperliche Belastung. Daraus resultieren oftmals Einschränkungen im Zusammenspiel von Muskeln, Gelenken und Nervensystem. Dagegen lässt sich ohne großen Aufwand etwas tun. Beim Aufladen des E-Autos an der Ladesäule, im Stau und sogar an der roten Ampel. Neurozentriertes Training heißt das Zauberwort. Anatomische Belastungen am Steuer Das Sitzen am Steuer in nahezu unveränderter Haltung belastet vor allem die Hüfte. Der Hüftbeuger (Musculus iliopsoas) verkürzt. Dadurch wird die Lendenwirbelsäule stärker gekrümmt und eine Fehlstellung des Beckens begünstigt. Diese Veränderungen gelten als eine der Ursachen für Rückenschmerzen und Spannungen im Bereich des Iliosakralgelenks, die häufig bis ins Gesäß ausstrahlen. Besonders in Fahrzeugen mit Automatikgetriebe, bei denen vorwiegend das rechte Bein aktiv ist, verstärkt sich die Asymmetrie: Das Becken kippt einseitig, Muskeln und Gelenke werden ungleichmäßig beansprucht. Hinzu kommt die konstante mentale Beanspruchung. Studien belegen, dass Autofahren die Aktivität des zentralen Nervensystems dauerhaft erhöht. Bremsen, Beschleunigen und das wachsame Beobachten der Umgebung erfordern kontinuierliche Anpassung. Erste Untersuchungen deuten zudem darauf hin, dass sich Atemmuster unter Fahrbelastung verändern. Die dadurch mögliche Beeinflussung der Sauerstoffversorgung kann zu einer Verringerung der Reaktionsfähigkeit beitragen. Neurozentriertes Training – Ansatz über das Nervensystem Doch all dem sind wir nicht hilflos ausgeliefert. Wir können selbst nach langen Fahrten sicher, entspannt und schmerzfrei am Ziel ankommen. Zumal zu den bekannten Gegenmaßnahmen wie der ergonomisch passenden Einstellung von Sitz und Lenkrad oder ausreichend Pausen jetzt die Erkenntnisse des neurozentrierten Trainings hinzukommen. Sie scheinen wie gemacht für den Autofahrer- Alltag zu sein: unauffällig und ohne große Aktion durchzuführen, geringer Zeitbedarf und ungemein effizient. Was ist das Geheimnis hinter der aus der funktionellen Neurologie entwickelten Methode? Bewegung, Schmerz und Stress werden im Gehirn verarbeitet. Entscheidend ist, wie sensorische Informationen – visuell, vestibulär, propriozeptiv, taktil oder über die Atmung – integriert werden. Genau hier setzt Neurozentriertes Training an: Es nutzt gezielte Impulse über die Sinnes- und Körpersysteme, um die Effizienz neuronaler Signalübertragung zu verbessern. Das Ziel ist nicht allein Muskelkraft oder Beweg- lichkeit, sondern eine Optimierung der zentralen Steuerung. Dadurch können Bewegungen ökonomischer, Gelenke entlastet und Stressreaktionen reguliert werden. Erste Studien aus dem Leistungssport weisen darauf hin, dass sich mit neurozentrierten Methoden Reaktions- geschwindigkeit, Bewegungspräzision und Konzentration verbessern lassen. Neurophysiologisch stützt sich die Methode auf drei zentrale Prinzipien: { Sensorische Integration: Im Hirnstamm und im Kleinhirn werden Signale aus Augen, Gleichgewichtsorganen und propriozeptiven Rezeptoren zusammen- geführt. Eine verbesserte Integration steigert die Bewegungspräzision und die Stabilität des Körpers. { Neuroplastizität: Wiederholte sensorische Reize verändern synaptische Verschal- tungen. Dadurch können neuronale Netzwerke effizienter arbeiten, was sich in kürzeren Reaktionszeiten und besserer Koordination äußert. { Top-down-Regulation: Die Aktivierung frontaler und limbischer Netzwerke durch gezielte Übungen beeinflusst die Steuerung vegetativer Prozesse. Das erklärt, warum neurozentriertes Training neben motorischen auch emotional stärkende und stressregulierende Effekte entfalten kann. » Neurozentriertes Training – Energie und Stabilität beim Autofahren Gelenke entlasten, Stress reduzieren Sabine Neumann
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